Maria – Patronin Europas
Predigt zum Fest Mariä Aufnahme in den Himmel

Wir feiern heute das Patrozinium dieser Kirche, das Mariae Himmelfahrt, wie man im Volksmund sagt, offiziell heißt das heutige Fest: Mariae Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit. Es ist eines der lieblichsten Feste im ganzen Kirchenjahr; es ist fest im Volksbrauch verwurzelt. Besonders in ländlichen Gegenden weihen wir an diesem Tag Weihbüschel, d.h. Büschel von Blumen und Kräutern wie sie sich auf den heimatlichen Wiesen finden. Wir wollen damit sagen: Mariae Himmelfahrt ist kein abgehobenes Fest, es ist ein naturverbundenes Fest.

Denn was wir an diesem Tag feiern, hat etwas, ja hat sehr viel mit uns Menschen zu tun, nicht nur mit unserer Seele sondern auch mit unserem Leib und der gesamten Natur. Wir feiern ja, dass Maria mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde. Damit wird uns gesagt, dass das, was Maria widerfahren ist, auch das Ziel unseres Lebens ist. Maria ist nach Jesus Christus die erste, die mit Leib und Seele eingeht in Gottes Herrlichkeit; ihr sollen viele, ihr sollen nach Gottes Plan wir alle folgen. Das ist eine große Verheißung und eine große Hoffnung. Unser Leben und unsere Welt enden nicht in einem sinnlosen Nichts, sie versickern und verlöschen nicht einfach. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Wir sollen am Ende im Leib und Seele und ebenso alle Schöpfung soll am Ende der Zeit eingehen in die Verklärung. Am Ende wird Gott alles in allem sein.

Die Liturgie stellt uns mit der Lesung aus dem letzten Buch der Hl. Schrift, der Offenbarung des Johannes, diese unsere Berufung und diese unsere Hoffnung in einem großartigen Bild vor Augen. Der Seher von Patmos schreibt: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonn bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ Wir alle kennen dieses Bild von unzähligen Darstellungen. Es hat die Künstler immer wieder zu großartigen künstlerischen Gestaltungen angezogen und angespornt. Die Frau ist in der Bibel die Repräsentantin des Gottesvolkes, und in der Tat, Maria repräsentiert uns alle. Sie zeigt uns das Ziel unseres Lebens und den Weg, der dorthin führt. Sie ist, wie es das letzte Konzil sagte, das Urbild der Kirche. Sie ist Urbild und Leitbild des neuen, des erlösten und zur himmlischen Herrlichkeit berufenen Menschen. In ihr und ihrer Berufung dürfen wir uns alle wieder erkennen.

Damit ist Maria nicht nur Urbild der Frauen; Maria ist auch Vorbild für Männer. Sie repräsentiert uns alle, denn sie repräsentiert den neuen Menschen so wie Gott ihn gewollt und wozu Gott ihn berufen hat. Unsere Vorfahren haben das klar erkannt. Sie haben Maria zur Patronin Europas erkoren. Denn Europa ist keine geographische und keine politische Größe. Europa ist eine geistige und kulturelle Größe. Europa ist durch den Geist des Christentums geformt.

Als Zeichen dafür finden sich überall in Europa, wohin wir auch kommen, nicht nur Bilder und Figuren der Gottesmutter und ihr geweihte Kirchen, es finden sich über unseren ganzen Kontinent zerstreut auch unzählige marianische Wallfahrtsorte. In unserer Gegend sind es viele kleine Wallfahrtsorte, sonst gibt es viele große und weltberühmte: Lourdes, Fatima, Tschenstochau, Kevelar, Altötting und wie sei alle heißen.

Europa hat Maria lieb gewonnen. In allen europäischen Sprachen nennt man sie mit zärtlichen Worten: Unsere liebe Frau, Madonna, Notre Dame, Our Lady. Wirklich, Maria ist unsere liebe Frau Europas, sie ist our Lady of Europe, Notre Dame de l’Europe.

Doch dieses Europa steckt heute in einer tiefen Krise. Dabei denke ich nicht in erster Linie an die Finanz- und Wirtschaftskrise, so schlimm sie für viele Menschen ist, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat tiefere Wurzeln in einer Krise der Werte und der Religion. Manche sprechen von einer Gotteskrise. Es ist als ob der große feuerrote Drache, von dem die Lesung spricht wieder da ist um all die Sterne hinwegzufegen, die Marias Haupt schmücken; es ist ob der Drache sie auch heute auf die Erde herabfegt. Dieser Drache ist der Inbegriff der Maßlosigkeit, der Eitelkeit, des Aufgeblasenen und des Hochmütigen. Er will nichts über sich anerkennen. So haben wir uns heute selbst zu Göttern gemacht. Wir wollen selber bestimmen, was gut und böse ist.

Die Folge ist uns seit der Geschichte auf den ersten Seiten der Bibel bekannt. Die Folge ist die Vertreibung aus dem Paradies. Wir sehen nun keine Sterne mehr, wir sind auf die Erde fixiert und sehen nur noch die Pützen am Boden Es ist als ob der Himmel verhangen und verschlossen wäre, als ob uns kein Licht der Hoffnung mehr voranleuchte.

So haben wir allen Grund uns neu zu besinnen auf die, welche die Patronin Europas ist. Wir müssen Maria neu zu unserer Patronin erwählen. Wir müssen wieder auf die Sterne sehen, die sie schmücken. Denn wir brauchen wieder Leitbilder, an denen wir uns orientieren können, zu denen wir aufschauen können und die uns am Ende nicht enttäuschen. Maria, die Sängerin des Magnifikat, ist ein solches Leitbild. Sie müssen wir wieder in unser Herz schließen um Europa seine Seele zurückzugeben. Sie kann uns wieder den Himmel offen halten. Sie ist ja nach dem Kirchenlied die Sonnenumglänzte und Sternenbekränzte. Von ihr müssen wir Europäer wieder das Magnifikat lernen. Europa muss wieder das Europa des Magnifikat werden.

Europa muss mit Maria sagen: „Hoch preiset den Herrn meine Seele und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Damit ist eine Spur gelegt und eine Richtung angegeben, die weiterhilft. Denn Europa kann nur Zukunft haben, wenn es wieder Gott als Herrn anerkenn, Gott als Herrn nicht nur mit dem Mund als Bekenntnis, das man am Sonntag, wenn man das Credo spricht, so heruntersagt, vielmehr Gott als Herrn des Lebens, unseres Lebens. Gott, von dem wir alles haben, was wir haben und was wir sind, Gott, aus dem und in dem wir leben und sind, Gott, an dem und an dessen Ordnung und Gebot wir uns orientieren.

Gott, der nicht eine Last ist, die man gerne abschüttelt, sondern Gott ist das höchste Gut, dessen man sich freut, dem man wie Maria dankt und den man preist, weil er alles so gut gemacht und es so gut mit uns Menschen meint. Auch mit seinen Geboten meint er es gut. Sie sollen uns das Leben ja nicht vermiesen, sie wollen uns nichts vorenthalten sondern sollen Wegweiser und Leuchte sein auf dem Weg unseres Lebens. Sie wollen helfen, dass wir unser Leben nicht verplempern und verlieren, dass es vielmehr voll gelingt und glückt und dass es zu seinem einzig sinnvollen Ziel, der Verklärung von Leib und Seele führt.

Maria ist die Frau, die auf Gott hört und die ganz aus ihm und auf ihn hin lebt. Sie antwortet dem Engel: „Ich bin die Magd des Herrn.“ Sie ist deshalb groß, weil sie sich vor Gott klein macht. Sie will nicht selbst sein wie Gott. Sie lässt Gott wirklich Gott sein. Er ist für sie kein Tyrann, vor dem man Angst haben muss. Nein, sie darf vom Engel hören: „Du hast Gnade gefunden bei Gott.“ So beten wir ja auch: „Gegrüsset seist du Maria, voll der Gnade.“ Gott hat sie vom ersten Augenblick an mit Gnaden gleichsam überschüttet. Diese ihre Begnadung war einmalig. Trotzdem sagt die Hl. Schrift von uns allen: dass Gott uns alle mit allem Segn des Himmels gesegnet hat. Gott ist uns allen wohlgesinnt; er will unser bestes und er schenkt uns sein Bestes. Er lässt uns in der Gnade teilhaben an seinem Leben. Maria sagt und hilft uns, über all den äußeren Reichtümern und Gütern den wahren Reichtum des inneren Lebens und der Seele, die Reichtümer des Herzens, die Reichtümer des geistlichen Lebens und des Lebens aus und in der Gnade nicht zu vergessen.

Mit alle dem ist Maria Patronin Europas. Das Menschsein, das sie verkörpert hat unsere europäische Geschichte geprägt und hat sie groß gemacht. Jahrhunderte lang hat man aufgeschaut zu ihr, unserer lieben Frau, Jahrhunderte lang hat man sich an ihr orientiert und sie verehrt. Sie war der Stern im Lebensmeere, der den Menschen vorangeleuchtet und ihnen den rechten Weg gewiesen hat, den Weg in dieser Welt und den Weg von dieser Welt zu unserem endgültigen Ziel im himmlischen Reich. Lassen wir uns nicht vom feuerroten Drachen die Sterne wegfegen, die wir brauchen um Orientierung in der Nacht des Lebens zu haben. Die Sterne auf der Europaflagge müssen wieder die Sterne werden, die ihr Haupt schmücken.

In dem schweren Kriegsjahr 1943, da haben wir Deutschland Maria geweiht und unser Land ihrem Schutz anempfohlen. Mit dem Weihegebet unserer Diözese, das von Pfarrer Josef Weiger, einem persönlichen Freund von Romano Guardini verfasst wurde und das am Rosenkranzfest 1943 zum ersten Mal gesprochen wurde, können wir auch heute beten: „Mutter unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, Mutter aller Erlösten,... Beschützerin der Kirche auf ihrer Pilgerfahrt durch die Jahr-hunderte, ...Hoffnung derer, die keinen Ausweg wissen und schuldbeladen sind. Zu dir nehmen wir unsere Zuflucht in dieser Stunde der Finsternis und erwählen dich heute und für immer zu unserer Fürsprecherin bei Jesus, deinem Sohne... Gib nicht zu, dass Christi Licht in den Getauften Finsternis werde und wir am Ende dastehen wie Bäume, die keine Frucht getragen.“ Heute an diesem Festtag fügen wir hinzu: Führe uns alle, führe unser Volk und führe Europa zu der Herrlichkeit für Leib und Seele, die dir geschenkt wurde. Amen.

<< zurück