Theologen-Memorandum - Kommen wir zur Sache!
Kardinal Walter Kasper

Das Memorandum deutscher katholischer Theologinnen und Theologen „Ein notwendiger Aufbruch“ lässt aufhorchen. Denn kein vernünftiger Mensch und kein wacher Christ wird bestreiten, dass die katholische Kirche in Deutschland einen Aufbruch bitter nötig hat und dass die Dinge nicht einfach so weiter gehen können, wie sie sich im Augenblick darstellen. Die Phänomene der Krise sind allzu deutlich. Niemand kann auch ernsthaft bestreiten, dass den Lehrerinnen und Lehrern der Theologie in dieser Situation eine besondere Verantwortung zukommt
und dass Sie sich dazu zu Wort melden können und sollen.

Als einer, der selbst fast dreißig Jahre lang im akademischen Dienst tätig war - und das sehr gerne - und der diesem wichtigen Dienst mit dem Herzen und mit dem Verstand auch seither verbunden geblieben ist, muss ich aber offen sagen, dass mich das Memorandum maßlos enttäuscht hat. Es hat mich deshalb enttäuscht, weil ich mir von Theologen mehr, nämlich einen substanziellen theologischen Beitrag erwartet hätte. Den brauchen wir, aber den finde ich in dem Memorandum nicht.

Ich frage mich nämlich, wie man als Theologe, und das heißt als Wissenschaftler der rational verantwortet von Gott reden soll, von der gegenwärtigen Situation und ihren Nöten sprechen kann, ohne das zu nennen, was Johann Baptist Metz schon vor Jahren die Gotteskrise genannt hat. Statt dessen bleibt das Memorandum in einer von ihm
selbst voll zu Recht kritisierten Selbstbeschäftigung stecken. Glauben denn die Unterzeichner im Ernst, dass die Kirchenfragen die existenziellen Fragen der Menschen heute sind? Oder ist es nicht eher umgekehrt, dass nämlich die Kirchenkrise eine Folge der Gotteskrise ist? Das gilt auch von den schrecklichen und beschämenden Miss-
brauchsfällen, die nochmals erwähnt werden und die wir gewiss nicht totschweigen dürfen.

Die Unterzeichner fordern mit Recht einen offenen Dialog. Doch dazu hätte ich gerne ihren theologischen Beitrag gehört. Aber was sie in ihrem Memorandum in den Dialog einbringen, ist alles längst bekannt und von vielen anderen Gruppierungen schon fast bis zum Überdruss gesagt. Deshalb habe ich aufgehorcht, als sie von der Freiheitsbotschaft des Evangeliums sprachen. Ich dachte: Ja, das wär’s. Aber was dann folgt, sind Menschen- und Freiheitsrechte, die wichtig sind, über die aber in unserer freiheitlichen Gesellschaft auch ohne theologisches
Zutun Konsens herrscht. Dass sie auch in der Kirche gelten müssen, ist für mich selbstverständlich. Das Evangelium von der Freiheit, wie Paulus es verstand, hat aber weit mehr und anderes zu sagen, das gerade heute für den Umgang mit Erfahrung von unverschuldetem Leid, himmelschreiendem Unrecht, Gewalt, Einsamkeit, Schuld, Tod hilfreich wäre. Doch eine ernsthafte theologische Argumentation, welche von der Freiheit des Evangeliums ausgeht, suche ich in dem Memorandum vergebens.

Damit will ich mich nicht vor den konkreten Fragen drücken. Gefordert werden unter anderem verheiratete Priester, Frauen im kirchlichen Amt und Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Das alles sind Anliegen, welche nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in der weltweiten Ökumene lebhaft diskutiert und großenteils auch praktiziert werden. Wie bekannt ist, habe ich in den letzten zehn Jahren reichlich Gelegenheit gehabt, mich dazu weltweit in anderen Kirchen umzusehen und Erfahrungen zu sammeln.

Deshalb frage ich mich, wie es denn sein kann, dass es der deutschen katholischen Theologenschaft offenbar verborgen geblieben ist, dass Kirchen, welche sich für die Frauenordination und für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften entschieden haben, gerade deswegen in einer viel tieferen Krise stecken als die katholische Kirche in Deutschland; sie stehen teilweise am Rande der Spaltung oder haben sich bereits gespalten. Und bei aller Hochachtung und Freundschaft mit den evangelischen Kirchen in unserem Land, die alle diese Forderungen längst erfüllt haben, darf man doch fragen, ob sie denn besser dastehen, wenn es um die alles entscheidende Frage, die Bezeugung des Glaubens in der Welt von heute geht.

Die Zölibatsfrage ist, wie die Historiker besser wissen als ich, geschichtlich gesehen heute nicht zum ersten Mal ein heißes Eisen. Bekanntlich habe ich mich zusammen mit anderen Theologen vor etwa vierzig Jahren dafür eingesetzt, dass diese Frage überprüft wird. Was offensichtlich aber weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass dieseÜberprüfung in der Tat stattgefunden hat. Die Frage ist international exegetisch wie historisch mit Ergebnissen diskutiert worden, die es seriöser Weise wissenschaftlich nicht mehr erlauben, die alten Argumente einfach zu wiederholen. Nicht weniger als drei „Weltbischofssynoden“ haben sich mit der Frage befasst und darüber mit überwältigenden Mehrheiten abgestimmt. Wenn man, wie es zu Recht geschieht, eine Rechtskultur verlangt, dann gehört dazu auch, dass man, wie es im weltlichen Bereich selbstverständlich ist oder zumindest
sein sollte, keine lähmende Dauerdiskussion führt, sondern Entscheidungen auch dann anerkennt, wenn man selbst vielleicht eine andere Lösung bevorzugt hätte.

Da ich zehn Jahre lang Bischof einer großen Diözese war, weiß ich selbstverständlich um die Not und um die Erosion vieler Gemeinden. Aber es zeugt von purem Provinzialismus, zu meinen, dieses Problem bestehe nur in Deutschland und es lasse sich auf dem Weg einer deutschen Sonderregelung lösen. Jeder, der schon in westeuropäischen Nachbarländern unterwegs war, von Lateinamerika, Afrika und Asien ganz zu schweigen, weiß ganz anderes zu sagen. In ganz Europa sind wir Zeugen eines rapiden soziologischen und demographischen Wandels, bei dem nur ein hoffnungs- und zukunftsloser falscher Konservativismus meinen kann, bisherige Pfarreistrukturen mit viri probati künstlich am Leben halten zu können. Dass auch die in den deutschen Diözesen gegenwärtig praktizierte Lösung mit großflächigen Pfarreieinheiten nicht das letzte Wort sondern nur eine für die
Priester wie für die Gemeinden stressige Übergangslösung sein kann und die entsprechenden Pastoralpläne schon bald Makulatur sein werden, sei nur nebenbei erwähnt.

Mehr zukunftsträchtige Phantasie und Blick über den deutschen Tellerrand hinaus könnten weiterhelfen. Da stellen sich Fragen an die Art der dem wirklichen Leben der Kirche weithin entfremdete theologischen Ausbildung, an Religionsunterricht und die bei uns daniederliegende Katechese (wozu ich in den USA und in Italien nachahmenswerte Beispiele finde), zu neuen Seelsorgestrukturen (in Frankreich gibt es dazu interessante Initiativen) und reicht bis zum persönlichen von Freude geprägten Glaubenszeugnis und nicht zuletzt, was man als Theologe ja wohl auch sagen darf, zum Gebet.

Damit komme ich zum Schluss auf das theologische Grundproblem, das ich in dem Memorandum so vermisst habe, auf die Gotteskrise zurück. Der Zölibat lässt sich nur begründen, wenn ich alles auf die eine Karte – Gott und sein Reich – setze. In jedem anderen Fall muss man den zölibatär Lebenden für verrückt erklären. Die Gotteskrise hat jedoch nicht nur zur Zölibatskrise, sondern zur Gläubigen- und Gemeindekrise geführt. Wenn in Deutschland im Schnitt der Prozentsatz regelmäßiger Kirchgänger seit 1950 um über zwei Drittel zurückgegangen ist, dann ist das für mich eine Zahl, die längst aufrütteln müsste und die den wirklichen Grund dessen aufzeigt, was man den Priestermangel nennt. Radikal kann ich nur die Lösung nennen, die an dieser radix, an dieser Wurzel ansetzt und, statt oberflächlich an der Stellschraube Zölibat zu drehen, sich für eine radikale Glaubenserneuerung einsetzt.

Dafür sind wir dringend auch auf theologischen Sachverstand angewiesen. Die theologischen Kolleginnen und Kollegen sind herzlich eingeladen, dazu nach Kräften mitzuhelfen.
Walter Kasper, Rom.

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