Predigt beim Vespergottesdienst zum Abschluss der Ansgarwoche 2008 in Hamburg

Kardinal Walter Kasper

I.

Als ich anfing mich etwas mit dem hl. Ansgar zu beschäftigen, ist mir eines aufgefallen: Ansgar war ein Mensch, der eine Vision hatte. Eine Vision, das ist keine Halluzination, keine Wahnidee, kein Traum- und Phantasiegebilde, auch kein Wunschtraum und keine Utopie. Es war eine Vision im Sinn der Bibel, eine Vision, welche die Augen dafür öffnet, für das worauf es ankommt, was wichtig ist, was Gott mit der Kirche und mit der Welt vorhat. Es war eine Vision ähnlich der des Propheten Jesaja, die auch Jesus aufgriff, eine universale Friedensvision von der Sammlung aller Völker.

Die Mission, zu der Jesus seine Jünger in alle Welt aussandte, von der sich auch Ansgar aussenden ließ, diente der Verwirklichung dieser Vision. Nachdem beim Turmbau von Babel die Sprache der Menschen verwirrt wurde und die Menschen auseinander liefen, weil sie sich nicht mehr verstanden, sollten jetzt alle wieder geeint werden. Im Glauben an den einen Gott und im Bekenntnis zu dem einen Herrn Jesus Christus, im einen Geist Gottes sollten alle das eine Volk Gottes, die eine Familie Gottes sein.

Die ökumenische Vision seit Beginn des 20. Jahrhunderts gehört in diesen großen Zusammenhang. Sie ging von der Weltmissionskonferenz in Edinburgh im Jahr 1910 aus, wo die versammelten Missionare einmütig zu der Überzeugung kamen, das größte Hindernis für die Weltmission sei die Spaltung der Christenheit. Das II. Vatikanische Konzil hat diese Vision als einen Impuls des Hl. Geistes verstanden. Sie, liebe Schwestern und Brüder, haben sie zum Motto der Ansgarwoche 2008 gemacht: „Beharrlich für die Einheit.“

Von dieser Vision gibt es keinen Weg zurück, keinen Schritt und keinen Zentimeter. Ökumene ist nicht eine persönliche Option, sie ist Mandat, d.h. Auftrag und heilige Verpflichtung, die uns Jesus selbst am Abend vor seinem Tod als sein Testament aufgegeben hat. Er hat gebetet, dass alle eins seien, damit die Welt glaube. Die sichtbare Einheit der Kirche, die das Ziel der Ökumene ist, ist kein Selbstzweck; sie ist Dienst an der Einheit und am Frieden der Welt. Und was könnte es in den gegenwärtig drohenden Konflikten in der Welt Wichtigeres geben?!

II.

Dies war auch die Vision, die Ansgar erfüllte, die von seinem fünften Lebensjahr an sein Leben prägte und ihm die Richtung wies. Stationen seines Weges waren ausgehend von Corbie in Frankreich Hamburg, Bremen, Dänemark, Schweden. Daraus ist ein großer Kulturraum geworden, der nicht nur Norddeutschland umfasst, sondern bis Dänemark, Schweden, Norwegen Finnland, Island und Grönland reicht. Bis heute wirkt Ansgars Wirken in großen Zeugnissen nach: Die fünf Hamburger Hauptkirchen, der Dom St. Marien, der Dom zu Uppsala und zu Lund, der Nidaros-Dom in Trondheim.

Wenn Steine reden könnten, dann würden sie von großen Männern und Frauen dieser langen Geschichte reden. Sie würden etwa von der hl. Brigitta erzählen, die bei ihrem Tod als eine wahre Mutter Europas betrauert wurde und die zu einer Gestalt geworden ist, die evangelische und katholische Christen heute gemeinsam verehren.

Sie würden von Johannes Bugenhagen, dem Weggenossen und Freund Martin Luthers, reden. Er gab mit seiner Kirchenordnung der Reformation in Hamburg die endgültige Gestalt. Er rief ein großartiges Schul-, Bildungs- und Sozialwesen ins Leben, das Leben und Kultur Hamburgs für lange Zeit auszeichnete. Sie würden auch die Lübecker Märtyrern, 4 Geistlichen und 18 Laien, erwähnen, die es aus der Kraft des christlichen Glaubens wagten, einem verbrecherischen, unmenschlichen System zu widerstehen und die dies 1943 mit ihrem Leben oder mit hohen Zuchthausstrafen bezahlten.

Eine große und stolze Geschichte also! Aber, Hand aufs Herz, was ist aus dieser großen Geschichte, aus dieser großen Tradition und Kultur, die im 9. Jahrhundert mit Ansgar begann, heute geworden? Wirkt sie noch weiter? Ist sie noch lebendig? Strahlt sie noch aus? Oder ist sie nicht am Verblassen und Verdampfen? Wird sie nicht immer mehr unsichtbar? Wie steht es mit dem Christentum und mit den Christen hier in Hamburg wie anderswo in Westeuropa? Sind wir nicht weniger und oft ein müder Haufen geworden? Man spricht von Säkularisierung und von einem Christentum, das zum Kulturchristentum, zur freundlich wohlwollenden Erinnerung bei Festen wie bei dieser Ansgarwoche geworden ist.

Liebe Schwestern und Brüder, wir müssen unsere Situation realistisch wahrnehmen. Wir dürfen uns nichts vormachen. Mit dem Verblassen christlicher Substanz ist der Verlust einer großen Vision, der Verlust von Perspektive und von Hoffnung verbunden. Perspektive und Hoffnung sind zur Mangelware geworden. Doch ohne Hoffnung kann niemand leben, kein einzelner, kein Volk und keine Kirche. Deshalb müssen wir uns wir neu über die Richtung verständigen, in die wir gehen wollen und gehen können.

Viele Historiker sind sich einig: Die Säkularisierung ist mit eine Folge der Glaubensspaltung. Damit stehen wir heute vor einer Herausforderung, die wir nicht mehr wie im 16. Jahrhundert gegeneinander sondern nur noch ökumenisch miteinander bewältigen können. Diese Herausforderung ist zu Beginn des neuen Jahrhunderts um vieles drängender als sie es 1910 zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Edinburgh war. Es geht ganz neu um das Einssein der Christen, damit die Welt glaube.

III.

Selbstverständlich können wir nicht wieder ins 9. Jahrhundert, ins frühe Mittelalter und in die Zeit des König Ludwig des Frommen, der das Hamburger Bistum begründete, zurück. Dennoch wir können ein zweites Mal bei Ansgar in die Schule gehen und von ihm lernen. Bei seiner Vision hörte er eine Stimme, einen Ruf, einen Auftrag: „Geh hin!“ Das erinnert an Abraham, der einen Ruf vernahm: „Brich auf!“ Das erinnert an den Exodus, den Auszug Israels aus Ägypten. Das erinnert an die zentrale Botschaft Jesu. Sie beginnt mit dem Ruf: „Kehrt um!“ Ändert euren Kurs; macht einen neuen Anfang; schlagt eine neue Richtung ein!
Die Mission, zu der sich Ansgar aufmachte, war ein solcher Aufbruch. Mission wird von heutigen Missionstheologen als Selbstüberschreitung beschrieben. Dasselbe gilt von der Ökumene. Mission wie Ökumene bedeuten: Nicht Sitzen- und Stehen bleiben, kein Status-quo-Denken, nicht einfach Weitermachen wie bisher. Heute brauchen wir als Christen und als Kirche einen neuen Aufbruch, einen neuen Anfang. Wir müssen uns bewegen.

Doch wohin? Jesus sagt uns klipp und klar wohin die Richtung gehen soll: Nicht irgendeine Fahrt ins Blaue, nicht in Richtung einer der innerweltlichen Fortschrittsideen des 19. Jahrhunderts, die in den Katastrophen des vergangenen 20. Jahrhunderts abgewirtschaftet haben und elendiglich zusammengebrochen sind. Jesus spricht vom Reich Gottes. Er sagt uns, dass wir uns mit allen unseren Kräften, mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu Gott hinkehren sollen und Gott in den Mittelpunkt stellen müssen.

Ansgar hat das getan. Er wird uns von seinem Biograph und Nachfolger Rimbert als Gotteskämpfer beschrieben, den sein Eifer für Gott verzehrte. „Gotteskämpfer“, das mag für uns heute kein gut klingendes Wort mehr sein. Wir denken da sofort an Religionskriege, Kreuzzüge, an Dhijat, blinden religiösen Fanatismus und an ein unseliges Zusammenspiel von Religion, Macht und Gewalt. So hat es Jesus und so hat es auch Ansgar nicht verstanden. Gott und Gewalt, das geht nicht zusammen. Gewalt um der Religion willen, ist eine Beleidigung der Würde des Menschen und der Würde Gottes. Der Gott der Bibel, der Gott Jesu Christi ist der Gott des Lebens, der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Liebe. Aber er ist auch Gott der Zehn Gebote, der Gott der Wegweisung gibt zum wahren Glück und zur wahren Erfüllung des Lebens. Diesen Gott gilt es im eigenen wie im öffentlichen Leben wieder aktuell zu machen. Ihn gilt es zu bezeugen Die Gottesfrage ist darum die zentrale ökumenisch gemeinsame Herausforderung heute.

Bei Ansgar ging es um Heidenmission, um die Bekehrung von den vielen Götzen zu dem einen wahren und lebendigen Gott. Das ist nicht mehr unsere Situation. Doch Götzen ganz anderer Art gibt es auch heute, und oft laufen auch wir Christen ihnen nach. Nicht der Unglaube oder Andersglaube der anderen, nein, die Lauheit und Schwindsucht unseres eigenen Glaubens ist das Problem. Sie sind der Grund dafür, dass die Wahrnehmung des Christentums undeutlich, verwaschen, blass geworden ist, dass die Botschaft des Glaubens so wenig rüberkommt, so wenig strahlt und leuchtet. Erzbischof Werner Thissen hat zu Recht gesagt hat: „Wir sind Kundschafter in einer Gesellschaft, die eine religiöse Grundstimmung hat. Als Gemeinden müssen wir noch einladender, als einzelne noch bekennender werden.“

Dabei geht es nicht um einen Ausstieg aus der Moderne, es geht darum die Moderne vor Zerstörung durch sich selbst, vor dem Absturz in Relativismus, Skeptizismus und Nihilismus zu bewahren. Dazu brauchen wir wieder Halt und Inhalt, Richtung und Perspektive. Woher anders soll sie kommen, wenn nicht aus dem christlichen Glauben. Wohin anders sollen wir denn gehen. Wo sonst finden wir solche Worte des Lebens?

So ist nach der ersten Evangelisierung durch Ansgar eine neue Evangelisierung angesagt. Dabei können wir kein anderes und kein neues Evangelium verkünden. Das wäre Falschmünzerei. Es geht um das eine Evangelium von Jesus Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist. Das Evangelium, das Ansgar und das Brigitta, das Johannes Bugenhagen und die Märtyrer des 20. Jahrhunderts bezeugt haben, gilt auch heute. Dieses Evangelium ist der Ausweg aus den Krisen und Aporien, in denen wir uns befinden.

IV.

Ökumene ist ja kein Selbstzweck; wir sollen eins sein, damit die Welt glaube, sagt uns Jesus. Daran muß sich die Ökumene neu ausrichten. Die neue Evangelisierung ist darum heute gemeinsame ökumenische Aufgab. Fragen wir abschließend, was das bedeutet!

Das bedeutet nicht, die bisherige Geschichte über Bord zu werfen, auch nicht die Unterschiede, die es leider noch immer zwischen uns gibt, zu verschweigen und so zu tun als ob sie uns nichts mehr angingen. Das bedeutet ebenso wenig, einer kirchlichen und konfessionellen Profil- und Abgrenzungsneurose zu verfallen, wie es gegenwärtig die Versuchung auf allen Seiten zu sein scheint. Das ist nicht Ausdruck eines starken sondern eines schwachen, angstbesetzten Glaubens. Wir müssen weiterhin vom weit größeren gemeinsamen Erbe ausgehen. Ja, wir müssen uns auf dieses größere gemeinsame Erbe neu besinnen, auf das gemeinsame Bekenntnis zu dem einen dreifaltigen Gott, dem einen Herrn Jesus Christus, dem einen und einzigen Heiland aller Menschen, die eine gemeinsame Taufe, durch die wir zu einem neuen Leben berufen und bestimmt sind.

Täuschen wir uns nicht: Alle noch so großartigen ökumenischen Bemühungen kommen ins Wanken und brechen in sich zusammen, wenn das gemeinsame Fundament brüchig wird. Hier darf es kein falsches Modernisieren und keine feige schwächliche Anpassung an den Zeitgeist geben. Nur vom Feststehen auf dem gemeinsamen Fundament aus können wir die gegenwärtig drängenden ökumenischen Fragen des Kirchen- und Amtsverständnisses und damit des gemeinsamen Abendmahls bzw. der gemeinsamen Eucharistie angehen. Nur von dieser Grundlage aus können wir in unsere Gesellschaft ausstrahlen und wirken, in den Fragen der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens, der Bewahrung der Schöpfung und nicht zuletzt des respektvollen Dialogs und der Beziehung mit Menschen anderer Religion und Kultur.

Das alles ist – weiß Gott – wichtig. Wer will das bestreiten? Doch wenn die Fundamente wackelig geworden sind, genügt es nicht, der Kirche nur einen neuen Anstrich zu geben; es genügen nicht ein paar spektakuläre Events, die schon morgen von anderen übertroffen werden: es genügen nicht Facelifting und andere Schönheitsoperationen. Wir müssen ökumenisch wesentlich werden. Wir müssen wie Ansgar den Mut haben Gott in die Mitte zu rücken. Es gilt das Wort des Propheten Jesaja: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.“

Ich kann und will jetzt nicht alles aufzählen, was daraus folgt. Hier will ich nur einen, aber zwei wesentliche Gesichtspunkte nennen: Gott in die Mitte rücken heißt das Wort Gottes in der Hl. Schrift wieder mehr zu lesen, es zu betrachten, es ernst zu nehmen und sich von ihm zu einem selbstlosen Christsein für andere inspirieren zu lassen. Gott in die Mitte rücken heißt: beten, oder bescheidener gesagt, versuchen zu beten. Wir können die Einheit der Kirche nicht „machen“; wir können auch die Welt nicht erlösen und retten, so sehr wir uns nach besten Kräften um beides bemühen müssen. Es ist letztlich ein anderer, dem wir beides anvertrauen müssen.

Ich erinnere mich noch an die Bombennächte des zweiten Weltkriegs. Damals gingen insgeheim Zettel mit einem Gedicht von Reinhold Schneider von Hand zu Hand. Die Botschaft war dieselbe wie die der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen: „Betet ohne Unterlass!“ Das Gedicht begann, womit ich schließen will: „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten.“ Allein den Betern! Amen.