Der Apostel Paulus – Zeuge Jesu Christi

Predigt bei der Eröffnung des Paulusjahres in Tarsus am 22. Juni 2008.

Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder!

Gnade, Friede und Freude von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus sei mit euch! Ich grüße Sie alle ganz herzlich: Bischöfe, Priester, Ordensleute, Männer und Frauen, nicht zuletzt die Jugendliche und die Kinder. Ich grüße die Pilger, die von weither gekommen sind. Ich grüße Sie im Namen des Hl. Vaters, Papst Benedikt XVI., der aus Anlass des 2000. Jahrestages der Geburt des Apostels Paulus das Paulusjahr ausgerufen hat; es soll am nächsten Sonntag in Rom eröffnet werden und bis zum 29. Juni 2009 dauern.

I.

Hier in Tarsus ist der Ort, wo der Apostel Paulus vor 2000 Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Hier in der Türkei, damals Asia minor genannt, hat lag der Schwerpunkt seines Wirkens. Wir stehen also auf historischem Boden. In der Apostelgeschichte und in seinen Briefen finden sich viele Namen von Orten dieses Landes: Seleucia, Iconion, Lystra, Derbe, Ephesus, Milet, Perge, Troas u.a. Von hier ist Paulus auf seinen Missionsreisen weitergezogen, zuerst nach Griechenland, nach Philippi, Thessalonich, Athen, Korinth und schließlich ist er als Gefangener nach Rom gebracht worden.
Paulus ist der größte Sohn dieser Stadt und dieses Landes. Denn wie kaum ein anderer hat Paulus die Welt verändert. Durch seine rastloses Wirken wurde das Licht des christlichen Glaubens in die ganze damals bekannte Welt getragen. Die Geschichte Kleinasiens, die Geschichte Europas, die Geschichte des Christentums ist ohne ihn nicht zu denken. Durch ihn ist das Christentum zur Weltreligion geworden.
Die Botschaft des Paulus ist durch seine Briefe bis heute wirksam und lebendig. Seine Briefe werden in den christlichen Gottesdiensten überall in der Welt vorgelesen und in den theologischen Akademien der ganzen Welt studiert. Als erster der christlichen Theologen hat er die gesamte spätere Theologiegeschichte nachhaltig bestimmt.
So ist der Völkerapostel Paulus einer der geschichtsmächtigsten Männer der Weltgeschichte. Es tut uns gut, dass wir ihn, die Stationen seines Wirkens und seine Lehre in diesem Paulusjahr uns neu in Gedächtnis rufen und uns intensiv damit beschäftigen.

II.

Wer war dieser Paulus? Oft stellen wir ihn uns vor als Mann von hünenhafter Gestalt, als einen begnadeten Redner und Schriftsteller und als einen raffinierten Missionsstrategen. Doch weit gefehlt! Sein Äußeres war nicht sehr beeindruckend, er war klein von Gestalt, alles andere als ein begabter Redner. Spöttisch sagten seine Gegner von ihm: „Sein persönliches Auftreten ist matt, und seine Worte sind armselig“ (2 Kor 10,10).
Er selbst zählt seine Leidensgeschichte auf: Häufig war er im Gefängnis, wurde geschlagen, war oft in Todesgefahr, fünfmal erhielt er 39 Hiebe, dreimal wurde er ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt er Schiffbruch; er mußte Hunger und Durst, Kälte und Blöße ertragen, wurde verleumdet, verfolgt schließlich durch das Schwert hingerichtet (vgl. 2 Kor 11,23-33).
Wir werden fragen: Wie konnte Paulus das alles durchhalten und ertragen? Die Antwort hat er uns selbst gegeben. Er schreibt: „Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,10). „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Phil 4,13). Damit rühren wir an die Mitte seines Lebens und an die Mitte seines Glauben. Paulus war nichts aus sich selbst, und er wollte nichts aus sich selbst sein; alles, was er war, war er aus Gott und aus seiner Gnade. Gott war die Stärke und die Kraft seines Lebens. Die Botschaft des Apostels ist die Botschaft von der Gnade.
Der Apostel sagt uns: Wir Menschen sind nicht groß und bedeutend durch das, was wir machen und leisten. Nicht, was wir leisten, gibt uns Wert und Würde. Wert und Würde, Erlösung und Heil haben wir allein durch Gott und seine Gnade. Wir können uns nicht durch unsere eigenen guten Werke erlösen, auch wenn wir uns noch so anstrengen. Erlösung wird uns geschenkt aufgrund des Glaubens. Letztlich ist alles in unserem Leben Gnade.
Diese Gnade gilt jedem von uns. Jedem Menschen ist sie angeboten; keiner ist ausgenommen. Keine Schuld ist so groß, dass sie nicht, wenn wir umkehren, vergeben werden könnte. Durch Gottes Gnade ist immer ein Neuanfang möglich. Durch Gottes Gnade ist selbst aus dem Christenverfolger Saulus ein glühender Christusbote Paulus geworden.
In dieser Gnade sind wir in jeder Situation und für immer geborgen. Paulus schrieb er an die Römer: „Ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben“ – „weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,38-39). Das ist eine Botschaft, die uns auch heute und in schweren Tagen Kraft, Trost, Mut und Hoffnung schenkt!

III.

Liebe Schwestern und Brüder! Vielleicht könnte alles, was wir bisher sagten, bis zu einem gewissen Grad auch ein frommer Jude und ein frommer Muslim sagen. Doch für Paulus kam etwas anderes, etwas für ihn Entscheidende hinzu. Es gab in seinem Leben einen entscheidenden Umbruch, der alles veränderte. Als er hasserfüllt gegen die Christen von Jerusalem nach Damaskus ritt um dort Christen aufzuspüren, sie zu fesseln und in Jerusalem vor Gericht zu stellen, da fiel er, als er bereits nahe bei Damaskus war, plötzlich vom Pferd, niedergestreckt durch ein helles Licht. Er hörte eine Stimme: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4).
Dies war der entscheidende Wendepunkt, der ihn und alles in seinem Leben total veränderte. Im Brief an die Galater sagt Paulus, Gott habe ihm seinen Sohn geoffenbart (Gal 1,15). Das will sagen: Es ist ihm wie Schuppen von den Augen gefallen und er konnte Jesus Christus als Gottes Sohn und als Heiland der Welt erkennen.
Diese Erfahrung hat ihn so gepackt, dass er alles vergaß, was hinter ihm lag und dass er sich ganz ausstreckte auf das, was vor ihm lag (Phil 3,13). Er gab alles andere auf, hielt alles für wertlosen Plunder; es ging ihm nun nur noch um Jesus Christus und sein Evangelium (Phil 3,8). Er wusste sich nun als der von Gott auserwählter und gesandter Apostel Jesu Christi, (Röm 1,1 u.a.), auserwählt das Evangelium von Jesus Christus bis an die Grenzen der damals bekannten Welt zu tragen. „Wehe mir,“ sagte er, „wenn ich das Evangelium nicht verkünde“ (1 Kor 9,16).
Das Evangelium, die Frohe Botschaft ist für Paulus keine abstrakte Lehre sondern eine Person: Jesus Christus. Es besagt: Gott ist uns nicht unerreichbar fern; er ist der Gott für uns, bei uns und mit uns. Er hat sich in Jesus Christus herabgeneigt und ist herabgestiegen, hat schwaches menschliches Fleisch angenommen, hat gelitten und ist gestorben und ist doch Gott geblieben. Er wollte uns in allem gleich sein, damit wir an seinem göttlichen Leben Anteil haben. Wenn Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, dann wird er auch uns auferwecken. Dann leuchtet uns in allem Leid und in allem Schmerz, in allen Widrigkeiten des Lebens Hoffnung noch über den Tod hinaus.
Das ist eine frohe Botschaft; das ist aber auch eine fordernde Botschaft. Sie sagt uns, dass wir uns als Christen immer an Jesus Christus, an seinem Beispiel, an seinem Leben und an seinem Wort orientieren sollen. Wir müssen uns immer wieder neu bekehren, immer wieder von ihm ergreifen lassen und ihm nachfolgen. Bei der Ankündigung des Paulusjahres sagte der Hl. Vater: „Liebe Brüder und Schwestern, wie in den Anfangszeiten braucht Christus auch heute Apostel, die bereit sind, sich selber zu opfern. Er braucht Zeugen und Märtyrer wie den hl. Paulus.“ „Er lebte und arbeitete für Christus, für ihn litt und starb er. Wie zeitgemäß ist heute sein Vorbild!“

IV.

Liebe Schwestern und Brüder! Jesus Christus ist die Mitte des christlichen Glaubens; er macht die Identität und das Unterscheidungsmerkmal des Christseins aus. Den Glauben an den einen Gott haben wir mit den Muslimen gemeinsam; dem Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes teilen wir mit den orientalischen, orthodoxen und evangelischen Christen; aber er unterscheidet uns von den Muslimen. Wir sollen diesen Glauben nicht verstecken sondern ihn wie Paulus mutig bezeugen. Das geschieht nicht allein durch Worte sondern vor allem durch ein überzeugendes Leben aus dem Glauben, durch Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Milde, Güte und tätige Liebe.
Dieser Aufforderung haben die katholischen Bischöfe in der Türkei in ihrem sehr schönen Brief zum Paulusjahr mit Recht eine zweite Aufforderung hinzugefügt; sie scheint mir besonders in Ihrer Situation wichtig zu sein. Die Bischöfe haben darauf hingewiesen, dass Paulus ein glühender Christusbekenner und zugleich ein Mann des Dialogs war. Er war, so würden wir es heute sagen, ein dialogischer Christ. Seit seiner Jugend war er sowohl in der jüdischen wie in der griechisch-römischen Kultur zu Hause, er sprach aramäisch und griechisch. Auf dem Areopag in Athen sagte er im Blick auf andere Religionen: „Gott ist keinem Menschen fern.“ „Denn in ihm leben wir, bewegen wir u ns und sind wir“ (Apg 17,27-28). Deshalb ermahlt er im Brief an die Philipper, auf alles bedacht zu sein, was wahrhaft edel, recht, was lauter, liebenswert ansprechend und tugendhaft ist (Phil 3,8).
Das II. Vatikanische Konzil um hat diese Aufforderung aufgegriffen und gesagt, die katholische Kirche lehne nichts von alledem ab, was in anderen Religionen wahr und heilig ist (NAe 2). Mit Hochachtung hat das Konzil von den Muslimen gesprochen und zur Zusammenarbeit mit ihnen aufgefordert, wenn es um Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen geht (NAe 3).
Dialog heißt nicht, den eigenen Glauben beiseite zustellen; es geht auch nicht darum, im Dialog den Glauben geschmeidig anzupassen. Es geht allein darum, in aller Freundlichkeit und Geduld Rechenschaft vom Glauben zu geben, zu erklären, was, wie und warum wir glauben und den Glauben lebendig zu bezeugen. Wie das geschehen kann, können wir vom Apostel Paulus lernen. Lesen wir darum immer wieder seine Briefe, auch wenn am Anfang manches schwierig zu verstehen ist.
So wünsche ich Ihnen hier in Tarsus und in der Türkei ein gesegnetes Paulusjahr, ein Jahr, in dem sie tiefer eindringen in die Lehre und in den Geist des Apostels Paulus, besser seine Botschaft von der Gnade verstehen und so wie er Jesus Christus lieben und ihn bezeugen. Dieses Jahr soll Sie daran erinnern, dass Sie als Christen hier in der Türkei zwar eine kleine Herde sind, die es oft nicht leicht hat, dass Sie aber ein Teil einer großen weltweiten Glaubensgemeinschaft sind. Die ganze Kirche hat hier in Tarsus und in der Türkei eine ihrer Wurzeln; darum kann die Weltkirche Sie, die Christen, die hier leben, nie vergessen. Sie, liebe Schwestern und Brüder, dürfen –mit den Worten des Apostels Paulus gesprochen – Hoffnung gegen alle Hoffnung haben (Röm 4,18). Sie dürfen sich in jeder Situation geborgen wissen in Gottes unendlicher Liebe und in der großen Gemeinschaft der weltweiten Kirche. Der hl. Paulus begleite und stärke Sie mit seiner Fürsprache.
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen von Herzen den Segen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen.